APIES: EINE EINFACHE PLATTFORM FÜR DIE MULTIATTRIBUT-ANALYSE VON BIOPHARMAZEUTIKA

Verfasst von: Mohi Ahmadinia

Die Aufzeichnung des Vortrags von Dr. Alan G. Ryder im Rahmen des „Virtual Learn & Connect“-Seminars von Securecell steht nun als On-Demand-Video zur Verfügung. 

Auf dem Securecell Virtual Learn & Connect-Seminar zum Thema Bioprozessierung stellte Dr. Alan G. Ryder, Professor an der Universität Galway in Irland, einen neuen analytischen Ansatz namens APIES vor: gleichzeitige Messung von Absorption, polarisierter intrinsischer Emission und Streuung.

Der Titel mag zwar technisch klingen, doch das Ziel ist sehr praxisorientiert: die Bereitstellung einer einfachen, schnellen, markerfreien und informationsreichen Messplattform für die biopharmazeutische Analyse. APIES wurde entwickelt, um Wissenschaftlern dabei zu helfen, mehrere Produkt- und Prozessmerkmale gleichzeitig zu überwachen, darunter Proteinkonzentration, Aggregation, strukturelle Stabilität und partikelbezogene Veränderungen.

Der Vortrag stützte sich auf mehr als zwei Jahrzehnte Forschung im Bereich der biopharmazeutischen Analytik, die im „Nanoscale Biophotonics Laboratory“ von Dr. Ryder an der Universität Galway durchgeführt wurde. Die Arbeit befindet sich an der Schnittstelle zwischen analytischer Chemie, physikalischer Chemie, Photonik, Messtechnik und multivariater Datenanalyse. Im Laufe der Jahre hat sich dieser Forschungsschwerpunkt von der Analyse von Zellkulturmedien im Upstream-Bereich hin zur Proteinanalyse im Downstream-Bereich verlagert, wobei ein starker Fokus auf der Verbesserung der Robustheit, Reproduzierbarkeit und praktischen Anwendbarkeit liegt.


Warum die Analyse von Biopharmazeutika so anspruchsvoll ist

Biopharmazeutische Prozesse sind von Natur aus komplex. Upstream-Arbeitsabläufe umfassen Rohstoffe, Wasser, Zellkulturmedien und Bioreaktoren. Jede dieser Probenarten stellt analytische Herausforderungen dar. Zellkulturmedien enthalten beispielsweise Kohlenhydrate, Puffer, Aminosäuren, Mineralstoffe, Vitamine, Peptide, Spurenmetalle und andere Bestandteile in sehr unterschiedlichen Konzentrationsbereichen. Sie sind chemisch, physikalisch und biologisch instabil und können sich während der Herstellung, Lagerung und Handhabung verändern.

Die nachgelagerte Verarbeitung bringt eine Reihe weiterer Herausforderungen mit sich. Nach der Gewinnung und Reinigung verlagert sich der analytische Fokus auf produktbezogene Qualitätsmerkmale. Bei Arbeitsabläufen für monoklonale Antikörper und andere Biologika müssen Wissenschaftler die Proteinkonzentration, Aggregation, Stabilität, das Verhalten in der Formulierung sowie Veränderungen verstehen, die während Schritten wie der Protein-A-Bindung, der Virusinaktivierung bei niedrigem pH-Wert, der Chromatographie, der Konzentration und der endgültigen Formulierung auftreten können.

Herkömmliche Analysemethoden sind zwar leistungsfähig, können jedoch langsam, kostspielig, probenintensiv oder schwer in eine Echtzeit-Prozessüberwachung zu integrieren sein. Dr. Ryder betonte, dass die zentrale Herausforderung nicht einfach in der Datenerfassung liege. Vielmehr gehe es darum, aussagekräftige, reproduzierbare und interpretierbare Daten aus komplexen biologischen Materialien so zu gewinnen, dass sie ein besseres Verständnis des Prozesses ermöglichen.

 

Von der intrinsischen Fluoreszenz zu Anregungs-Emissions-Matrizen

Ein wesentlicher Teil von Dr. Ryders Arbeit begann mit der Analyse von Zellkulturmedien. Seine Gruppe untersuchte verschiedene spektroskopische Methoden, darunter Raman-, Infrarot-, Nahinfrarot- und fluoreszenzbasierte Verfahren. Bei hochkomplexen Medienproben erwies sich die intrinsische Fluoreszenz als besonders wertvoll.

Die intrinsische Fluoreszenz ist in der biopharmazeutischen Analyse attraktiv, da viele biologische Proben von Natur aus fluoreszierende Moleküle enthalten, darunter Tryptophan- und Tyrosinreste in Proteinen. Das bedeutet, dass die Methode im Vergleich zu Techniken, die Reagenzien, Farbstoffe oder eine aufwendige Probenvorbereitung erfordern, markierungsfrei, relativ kostengünstig und nachhaltig sein kann.

Durch die Erfassung von Anregungs-Emissions-Matrizen (EEMs) können Wissenschaftler die Fluoreszenz über einen breiten Anregungs- und Emissionsbereich hinweg messen. Das daraus resultierende dreidimensionale Spektralprofil kann einen hohen diagnostischen Wert haben. Vereinfacht ausgedrückt: Ändert sich die Form der EEM, deutet dies oft darauf hin, dass sich die chemische Zusammensetzung oder die molekulare Umgebung der Probe verändert hat.

Dadurch eignet sich die EEM-Spektroskopie zur Identifizierung von Zellkulturmedien, zum Vergleich von Chargenabweichungen und in einigen Fällen dazu, die Variabilität der Medien mit der Prozessleistung oder der Ausbeute des Endprodukts in Verbindung zu bringen. Allerdings kann die Interpretation von EEM-Daten auch komplex werden, insbesondere wenn viele überlappende Signale und photophysikalische Effekte vorliegen.

APIES 2

Der Wert der polarisierten intrinsischen Emission

Um die Möglichkeiten der EEM-basierten Analyse zu erweitern, führte die Gruppe um Dr. Ryder polarisierte Messungen ein. Die polarisierte intrinsische Emission (PIE) liefert zusätzliche Informationen, indem sie verschiedene Polarisationszustände des emittierten und gestreuten Lichts misst.

Dies ist insbesondere für die Proteinanalyse von Bedeutung. In vielen Fluoreszenz-Workflows wird Streulicht als unerwünschter Hintergrund betrachtet und entfernt. Dr. Ryder stellte diese Annahme in Frage. In Biologika sind Proteine nicht einfach nur kleine gelöste Moleküle. Sie können sich wie Partikel verhalten, und wenn sie ihre Größe ändern, sich assoziieren oder aggregieren, ändert sich auch das Streusignal.

Durch den strategischen Einsatz der Polarisation kann das gestreute Licht je nach analytischem Ziel entweder verstärkt oder unterdrückt werden. In einer Konfiguration wird die Streuung deutlicher sichtbar und kann partikelspezifische Informationen liefern. In einer anderen Konfiguration kann die Streuung reduziert werden, um den Fokus stärker auf die Fluoreszenzemission zu legen. Dies macht die polarisierte intrinsische Emission zu einem nützlichen Werkzeug für die Untersuchung von Proteinaggregation, der Proteinumgebung und strukturellen Veränderungen.

Das Problem mit aufwendiger Chemometrie

EEM- und polarisierte EEM-Messungen sind zwar leistungsstark, erzeugen jedoch oft große, mehrdimensionale Datensätze. Traditionell erfordern diese Datensätze multivariate Datenanalyse, fortgeschrittene Chemometrie und spezialisierte Softwareumgebungen wie MATLAB.

Dr. Ryder bezeichnete dies als praktisches Hindernis. In manchen Fällen kann die Datenanalyse komplizierter werden als das Experiment selbst. Analysten verbringen möglicherweise mehr Zeit mit der Erstellung und Validierung von Modellen als mit der Auswertung der Probe. Dies kann den Methodentransfer erschweren und den Einsatz in routinemäßigen Prozessentwicklungs- oder Fertigungsumgebungen einschränken.

APIES wurde unter anderem als Antwort auf dieses Problem entwickelt. Das Ziel besteht nicht darin, die wissenschaftliche Tiefe zu verringern, sondern die Messstrategie zu vereinfachen, damit klare, robuste und transparente Analyseergebnisse direkter generiert werden können.

Was APIES misst

APIES kombiniert drei gleichzeitige Signale aus derselben Probe:

Die Extinktion liefert Informationen zur Proteinkonzentration, beispielsweise über A280, und kann bei Messung an ausgewählten Wellenlängen auch zu Aggregationsindizes beitragen.

Die polarisierte intrinsische Emission liefert Informationen über die Proteinumgebung, konzentrationsabhängige Effekte, strukturelle Veränderungen und Stabilitätsindikatoren wie Emissionsverhältnisse, Verschiebungen und Peakform.

Die Streuung liefert durch Rayleigh-Mie-Streusignale Informationen über Partikel, Proteinaggregation, Blasen und größenabhängige Veränderungen.

Der wesentliche Vorteil besteht darin, dass diese Messungen gleichzeitig aus derselben Probe, im selben Gerät und zur selben Zeit erfasst werden. Dies reduziert die Variabilität, die durch den Transfer von Proben zwischen Geräten oder die Aufteilung des Materials in mehrere Aliquots entsteht. Außerdem hilft es bei der Identifizierung von Artefakten. Beispielsweise können Blasen die Absorption und die Streuung erhöhen, während sie die Emission verringern, wodurch ein erkennbares Signalmuster entsteht.

Durch die Kombination der drei Signale kann APIES schnelle, mehrere Attribute umfassende Auswertungen zu Konzentration, Aggregation und Stabilität liefern. Laut Dr. Ryder lässt sich der Ansatz mit transparenten, Excel-basierten Arbeitsabläufen analysieren, anstatt sich vollständig auf komplexe Black-Box-Chemometrie zu verlassen.

Fallstudie: Überwachung der Aggregation während der Virusinaktivierung

Eine der vorgestellten Schlüsselanwendungen war die Virusinaktivierung bei niedrigem pH-Wert, ein kritischer nachgelagerter Schritt bei der Herstellung monoklonaler Antikörper. Die Virusinaktivierung ist für die Prozesssicherheit unerlässlich, doch Bedingungen mit niedrigem pH-Wert können auch Stress für Proteine verursachen und Aggregation oder strukturelle Veränderungen begünstigen.

Mithilfe von APIES überwachte die Gruppe um Dr. Ryder ein IgG-Protein unter Bedingungen der Virusinaktivierung. Die Methode ermöglichte die gleichzeitige Verfolgung von aggregationsbezogenen Signalen, der Proteinkonzentration und stabilitätsbezogenen Indikatoren. Wichtig ist, dass APIES das Aggregationsverhalten in Echtzeit erfassen konnte.

Besonders wichtig war der Vergleich mit der dynamischen Lichtstreuung und der Größenausschlusschromatographie. APIES zeigte Aggregationsverhalten im Reaktionsgefäß auf, das von der Größenausschlusschromatographie nicht immer erfasst wurde. Unter bestimmten Bedingungen schien eine Aggregation in Echtzeit vorzuliegen, während die SEC keinen entsprechenden Anstieg irreversibler Aggregate zeigte. Dies deutet darauf hin, dass APIES wertvolle Einblicke in die Aggregation im Reaktionsgefäß liefern kann, einschließlich reversibler oder vorübergehender Aggregationswege, die übersehen werden können, wenn man sich ausschließlich auf Offline-Endpunktmethoden verlässt.

Dies ist für die prozessanalytische Technologie von großer Bedeutung. Eine Methode, die Aggregation schnell, während des Prozesses und mit minimalem Probenaufwand nachweisen kann, könnte Teams dabei helfen, zu verstehen, wie Prozessbedingungen die Produktqualität beeinflussen, bevor Probleme in den endgültigen Analyseergebnissen sichtbar werden.

Fallstudie: Wechselwirkungen zwischen Proteinen und Liposomen sowie die Bildung einer Proteinkorona

Die zweite Fallstudie konzentrierte sich auf Protein-Liposom-Wechselwirkungen, ein wichtiges Thema für die Arzneimittelverabreichung und nanopartikelbasierte therapeutische Systeme. Wenn Lipidnanopartikel oder Liposomen in biologische Umgebungen gelangen, können Proteine schnell an deren Oberflächen adsorbieren und eine Proteinkorona bilden. Das Verständnis, wie sich diese Korona bildet und entwickelt, ist wichtig für die Vorhersage des biologischen Verhaltens, der Stabilität und der Verabreichungsleistung.

APIES ermöglichte die Beobachtung früher Protein-Liposom-Wechselwirkungen im Second-Scale-Bereich. In der ersten Phase zeigte die Methode eine schnelle Adsorption von Proteinen an der Liposomenoberfläche. Über längere Zeiträume deuteten Veränderungen im Emissionsverhalten darauf hin, dass die Proteine stärker mit der Lipid-Doppelschicht interagierten.

Diese Fallstudie verdeutlicht eine allgemeine Stärke des APIES-Ansatzes: Er kann schnelle kinetische Prozesse erfassen und verschiedene optische Signale mit Informationen zu Konzentration, Größe, Oberflächenwechselwirkung und Struktur verknüpfen. Dies macht ihn nicht nur für die klassische Überwachung der Proteinaggregation vielversprechend, sondern auch für neue Anwendungen in der Arzneimittelabgabe.

APIES 3

Warum APIES für PAT und die Bioprozessentwicklung wichtig ist

Die Prozessanalysetechnologie zielt darauf ab, die Messung näher an den Prozess heranzuführen. Anstatt sich ausschließlich auf zeitverzögerte Offline-Analysen zu verlassen, ermöglicht PAT ein Verständnis kritischer Prozess- und Produktmerkmale in Echtzeit oder nahezu in Echtzeit. Für Biopharmazeutika ist dies besonders wichtig, da die Produktqualität durch subtile Veränderungen bei Rohstoffen, Prozessbedingungen, Reinigungsschritten und Formulierungsbedingungen beeinflusst werden kann.

APIES orientiert sich an dieser Ausrichtung. Die Technologie ist markerfrei, relativ schnell, multiattributfähig und für die Automatisierung geeignet. Dr. Ryder wies zudem darauf hin, dass die Technologie in Durchflusszellenformaten getestet wurde, was ihr Potenzial für die Online- oder At-Line-Prozessüberwachung untermauert.

Die übergeordnete Botschaft lautet, dass bessere Analytik nicht immer mehr Komplexität bedeuten muss. In vielen Situationen sollte das Ziel darin bestehen, Messplattformen zu entwickeln, die robuste, interpretierbare Ergebnisse schnell genug liefern, um Prozessentscheidungen zu unterstützen. APIES geht in diese Richtung, indem es Absorption, polarisierte intrinsische Emission und Streuung in einem praktischen analytischen Rahmen vereint.

Auf dem Weg zu einfacheren, schnelleren und aussagekräftigeren biopharmazeutischen Analysen

Dr. Ryders Vortrag zeigte, wie sich APIES aus jahrelanger Arbeit an komplexen molekularen Systemen, Zellkulturmedien, Fluoreszenzspektroskopie, polarisierter Emission und Proteinanalyse entwickelt hat. Das Ergebnis ist ein Messansatz, der die bereits aus der Probe verfügbaren optischen Daten besser nutzt.

Durch die kombinierte Nutzung von Absorption, intrinsischer Emission und Streuung kann APIES ein umfassenderes Bild von biopharmazeutischen Proben liefern als jedes einzelne Signal für sich. Das Verfahren kann dabei helfen, Proteinkonzentration, Aggregation, Stabilität, Partikelbildung und kinetische Wechselwirkungen in Echtzeit oder nahezu in Echtzeit zu überwachen.

Für Teams in der Bioprozessentwicklung eröffnet dies spannende Möglichkeiten. APIES kann zu einem schnelleren Prozessverständnis, einer reaktionsschnelleren Downstream-Überwachung und einer besseren Integration von Analysen in PAT- und „Quality by Design“-Strategien beitragen.

Sehen Sie sich die vollständige Aufzeichnung an

Sehen Sie sich die aufgezeichnete Präsentation von Dr. Alan G. Ryder an, um mehr über APIES und seine potenzielle Rolle in der Zukunft der biopharmazeutischen Analytik zu erfahren.

Erfahren Sie mehr über die Lösungen Lucullus® und Numera® von Securecell und entdecken Sie, wie automatisierte Probenahme, Analysatorintegration und Prozessdatenmanagement moderne PAT-Arbeitsabläufe unterstützen können.


Hier herunterladen

 

Mohi Ahmadinia

Tags

Share